Technology in Art is a Tasting of Dollar Bills

 

 

-Wo bildgebende Verfahren unsere Einstellung zum sehen und gesehen werden verändern.

-Wo Kommunikationstechnologien unser soziales Verhalten lenken.

-Wo  Sehnsüchte nach Transzendenz sich in Wissenschaft und Technik ausdrücken.

-Wo Informationssysteme unser Weltbild und unsere Positionen darin gestalten.

-Wo die Berührungspunkte von Natur, Kunst und Technologie untersucht und gelöscht werden.

-Wo das Spektakel der Hi-Tech nicht weiter verfolgt und gefestigt wird.

 

 

1. Die Medienkunst ist nicht in der Krise. Höchstens für jene die nach einem Beipackzettel und einem einstimmigen Kanon lechzen. Ich finde ja heute ist eher der Kubismus in der Krise. Genauso wie die Trennungslinie zwischen Kunst und Wissenschaft, was für viele natürlich sehr verwirrend ist. Nicht lange ist es her, als die Forscher die Künste machten und sich Kreativität nicht mal auf Darstellungsformen Heiliger beschränkte. Kann die Kunst eventuell mehr für die Wissenschaft leisten, als tolle Forschungsergebnisse auch für Ottto N. verständlich zu machen? Kann die Wissenschaft für die Kunst mehr, als Petrischalen für spaßige Genetik-Workshops zur Verfügung zu stellen?

 

23. Kann alles sein. Aber bis jetzt befindet sich dieser Nichtraum maximal in einem kränkelnden Embryonalstadium. Es gibt schon Kakteen, denen menschliche Haare wachsen, Mäuse die im Dunklen leuchten, halblebendiges Gewebe im Eiskasten usw. Möglicherweise gibt es aber hier noch Grenzen auszuloten und spannende Arbeitsfelder abzustecken. Habe ich bis vor kurzem nicht einmal gewusst, warum ich Technologie und neue Medien im künstlerischen Kontext für genauso relevant halte wie Pflanzen und derartiges Gewächs. Sicher nicht wegen einer Hybrid Art, die ja auch irgendwo bei Medienkunst zu finden ist. Bald gab ein Gespräch mit einem freundlichen Kapazunder Aufschluss. Die durch das 20. Jahrhundert wirkende Wissenschaft der Kybernetik befasste sich mit Systemwirkungen und Informationsverarbeitung im Allgemeinen und wollte diese Dinge so richtig untersuchen. Wobei versucht wurde die Verarbeitungsmechanismen und Rückkoppelung  organischer wie auch technischer Prozesse gleichermaßen in die Mangel zu nehmen. Da haben wir schon den Cyborg und eine nicht ganz schnürlgrade Entwicklungslinie von Raketenabwehrsystemen über Internet, bis hin zur Erotik zwischen Mensch und den Maschinen. Mir war das lange nicht klar.

 

4. Es gilt aber hier eine Art systemischer Agnostiker zu werden (im Sinne der optischen Agnosie oder Seelenblindheit) um abgetrennte Fachbiotope auf störende Art und Weise verlernen zu können. Seelenblindheit ist künstlerische weil entcodierende Methode. Die Quest ist doch weniger eine müßige Schnittmenge zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie zu  suchen, sondern vielmehr zu lernen keinen Unterschied zu machen und an allen Elfenbeintürmen gleichermaßen Raubbau zu betreiben. Stellt derartiges in einer bis ins letzte Winkerl vernetzten und abkodifizierten Welt, nicht ohnehin eine der letzten Bastionen herrschaftskitzelder Arbeit dar? Die wissenschaftlichen Disziplinen und fachspezifischen Optiken selbst sollen schon bald als Arbeitsmaterialien deklariert werden. DNS als Kunst? Na sehr witzig! Entweder eine Wassermelone ist ein Kraftwerk oder nicht. Jedenfalls schmeckt sie gut…

 

7. Die digitale Kunst auf der anderen Seite kann sogar der fraktale Schluss aller vorhergegangnen Künste sein. Alles Dagewesene in sich aufnehmen und zudrücken bis irgendwas kommt. Sie ist, das darf man getrost betonen, aufgrund ihrer einzigartigen Entstehungsgeschichte in der Lage zwischen den Spezialitäten an Malerei, Bildhauerei, Multimedia, Video, Denkmalreinigung etc. zu einer universellen und absoluten Idee zurückzukehren. Es geht außerdem nicht anders, wenn sich Ideen und Konzepte im World Wide Web überschlagen wie Zirkushunde, die Dokumentation eines fertigen Werks ebenbürtig ist und sich der Gedanke des Open-Source auch auf Rücken einer heiligen Kunstkuh breit macht. All Thoughts of Art in One Art of Thought! So (oder auch völlig anders) könnte das Motto im dynamischen Ideenkosmos des Virtuellen lauten. Die digitale Komponente in der Kunst kann ja durchaus Mal als situationsabhängige Manipulation der alltäglichen Codes und Kulturprogramme vor der Haustüre zu Tage treten, und zwar, und jetzt kommts, vielleicht sogar ohne die hohe und teure Technologie durch die Kunst abzufeiern. Das können andere viel besser und die bekommen auch mehr Geld dafür als wir.

 

50. In der digitalen Kunst ist es zudem durchwegs akzeptiert, sich all das als Arbeitsmaterial unter den Nagel zu reißen, was der Menschen im Laufe der Zeit so zwischen sich und die Welt entwickelt hat, um ihm als Mittler und Vergänglichkeitslotion behilflich zu sein. Da muss seit jeher andauernd eine Lücke gefüllt werden, die sich auftut als der Mensch begreift, dass eine Welt ohne ihn vorstellbar ist. Da wird gekritzelt, gesungen, der Janker vom Opa umgelegt, gebloggt, gebuddelt, Raketen in den Himmel geschossen, undsoweiter. Die menschliche Kommunikation ist ein Kunstgriff gegen die Einsamkeit zum Tode sagte mal Vilem Flusser und dehnt so den Begriff des Medialen zu einer recht ergiebigen Baustelle. Als Medial gilt alles, was als Übersetzter zwischen Mensch und Umwelt in Verwendung tritt um zwischen diesen nur vordergründig gegensätzlichen Polen zu übersetzten. Durch die Kybernetik als gedankliches Werkzeug kann so erstmalig die Poethik dieser Ausformungen, von der Schrift bis zum Haus, digitalen Programmen und menschlicher Sprache untersucht und künstlerischen Vorhaben zugeführt werden. Durch minimale aber gezielte Veränderung eines ästhetischen und/oder operationalen Programms darf auch die subversive Kraft (ev. des Hackers) zu Tage treten und etwas Unbemerktes erst zu Tage fördern. Kunst kann immer nur soviel, wie man ihr zutraut und es ist schon länger an der Zeit einen nächsten Schritt in der Entwicklung einer so genannten digitalen Kunst zu machen. Vielleicht ist sogar ein Körnchen Wahrheit dabei, wenn dieser bärtige Kauz meint: Culture is indeed our operating System!  

 

22. Die vielerorts beleidigte Medienkunst ist anscheinend irgendwo auf der Strecke liegen geblieben, keine Ahnung was da so los war. Liegts eventuell daran, dass sie sich (natürlich wenn keiner hinschaut) totalitären Heilsgedanken durch technische Spielerei  anschießt und in letzter Konsequenz zum globalen Großkapital ins Bett kuschelt? Da muss ich beizeiten mal am Institut nachfragen. Aber bitteschön: Wo Kunst affirmativ gegenüber  unappetitlichen Verwertungslogiken und dem  medialen Spektakel wird, beginnt klarerweise eine transformative Kraft zu verdunsten. Was in diesem Fall als lebendige Konsequenz notwendig ist, gibt den Blick frei auf ein verwechselndes Irrspiel, brabbelnd, staunend, auflösend und voll von strategischen Missverständnissen und Diebstählen. Warum nicht auch in Form von Störgeräuschen auf einem durch die Bank pankapitalistischen Erdbällchen und seinen ach so medialen Naheverhältnissen. Nur eine Triebfeder muss gefälligst dableiben: durch helle und motivierte Köpfe fasst die digitale Kunst im unausgelosten Niemalsland zwischen Computer und realen Lebensräumen, Kunst und Technologie Fuß und ist gerade dadurch in der Lage, mit einer auf der Türschwelle stehenden Datenhegemonie unserer Zeit zu brechen, und so auch alternative Lebensentwürfe voranzutreiben.

 

8. Wie man unschwer bemerken kann, finden unzählige Metaphern sowohl für Geist, Lebenswelt und interkulturelle Vorgänge immer öfter Anlehnung an die Informationstechnologien.  Wer die profunden Resonanzen des Computers auf die Gesellschaft verstanden hat, kann nicht ernsthaft alte Formen mit dem Chip als Verbesserungstool fortführen (Anm.: hab ich geschrieben bevor ichs beim Cramer gehört hab, echt) Dies würde, zugegeben etwas hart formuliert, von Ignoranz und Verleugnung zeugen, dem digitalen Künstler auch Blicke hinter die Fassaden eines kommerziellen Digitalismus zuzugestehen. Die Herausforderung als eine Art inversem Röntgenapparat kann nicht sein, durch feste Gegenstände sehen zu wollen. Sondern vielmehr Wellen, Daten und Mechanismen in anderen Aggregatzuständen kristallisieren zu lassen.  Bei derartigen Methoden kommt es allerdings immer auf die gelungene Verschiebung der Landkarten gegeneinander an, ein Crossmapping der Bezugssysteme ist da immer willkommen. Die digitale Kunst ist hier durch die Rolle des Hackers als einzige Kraft in der Lage, neue Zugänge zu bieten und so strategische Kurzschlüsse zwischen den Systemen Würschtelstand und Biennale herstellen (Anm.: hab ich auch vorm Cramer geschrieben, im Ernst!)

 

15. Das Sumpfland zwischen Technologie und Kunst muss gerade heute durch radikales Forschen geplündert und auf spielerische Art erforscht werden. Denn weder die Singularität noch Unternehmen der internationalen Raumfahrt können sich selbst verarschen. Alleine schon dafür es der digitalen Künstler als verwirrte Biomasse gefragt, um Schimmel auf den sterilen Oberflächen der Medienproduktion anzusetzen. Und auch nicht zuletzt um nicht in der eigenen Weltkulturkloake an digitalen Freunden und Haustieren zu ersaufen.

 

56. Wo genaue Zielvorgaben an die digitale Kunst gestellt werden, muss sie scheitern. Denn ein enger Rahmen fügt die Arbeitsweise wie von selbst in ein totalitäres System, lässt sie erstarren und anschließend verpuffen. So schnell kann man gar nicht schauen. Die Schar an Kuratoren, Kritikern und Sammlern wollen so schnell es geht vor theoretische wie verkäufliche Tatsachen gestellt werden, doch der Akt des Definierens läuft dem Digitalen schon immanent zuwider. Eine umfassend medialisierte Lebenswelt ist voll von Wortschöpfungen und Eintagsideologien. Diese festigen immer nur eine Elite, um gleichzeitig den Rest abzuschrecken und in die Arme von mickrigen Nostalgikern zu treiben. Die Angst vor inflationären Aufgüssen ist heute einfach zu groß. Eine medialisierte Kultur wie die unsrige ist (vorerst) im Virtuellen einer permanenten Neuvermischung unterworfen. Sie ist ein dynamischer Prozess und benötigt ein anderes sprachliches Bezugsystem, als traditionelle Kulturbegriffe wie Stilrichtungen, Genres, Kunstformen, Formate, Schubladen und Definitionen im Allgemeinen.

 

3. Es kann nicht mehr definiert sondern gewissermaßen nur noch transfiniert werden. Besonders (denn er nimmt hier eine Vorreiterrolle ein) wenn es um den Begriff einer digitalen Kunstproduktion geht. Der sich in den weltweiten Informationsnetzen bildende Erfahrungsraum stellt nicht nur wegen seines exponentiellen Wachstums einen neuen Aggregatzustand menschlicher Kulturerfahrung dar. Die Beschleunigung beschleunigt sich, wir steuern auf den totalen Verpuffungspunkt (Plasmabildung) der menschlichen Kultur zu, bis dahin können wir noch kurzspielen und kurzschließen. Wir müssen beinahe aus Pflichtbewusstsein stottern und nach Luft schnappen – und Definitionen der digitalen Kunst werden zu Pfeilen, die bleibende Löcher in einen Fluss schießen sollen. Es ist anzunehmen, dass es noch zu Formen der Kommunikation (nicht nur dieser postsymbolischen) kommt, die in der Lage sind Vorgänge, Entstehungsgeschichten, Vermischungen und vorübergehende Zustände der medialen Globalkultur passend zu vermitteln. Abermals kommt hier die digitale Kunst ins Spiel um diesen Umständen den notwendigen Ausdruck zu verleihen. Wir machen die transfine Welt und ihr Bezugssytem gleich mit.

 

18. Ähnlich wie traditionelle  Werkzeuge der Sprache am Digitalismus zerbrechen, verhält es sich mit dem klassischen Kunstprodukt als fertige Arbeit. Erst wurden am Fließband Waren gleichförmig produziert und durch Freuds Neffen an die Massen verkauft. Dann kam der Individualisierungsschub der 60er Jahre, der jedoch durch den Konsum als Teil einer persönlichen Selbstverwirklichung annektiert wurde. Eine der zahlreichen Implikationen des Digitalen ist nun die Partizipation und eigenmächtige Veränderung von Kulturgut jedweder Art. Es kommt bei Ware und künstlerischem Ausdruck gleichermaßen zu einer transhistorischen Vielfalt des Angebots. Im Groben bedeutet das einen immer fließender werdenden Übergang zwischen der Rolle des Produzenten und der des Konsumenten und führt in letzter Konsequenz zum Verschwinden großer Institutionen in heutigen Erscheinungsformen. Das ist nichts neues. Nehmen, sehen, verändern, zurückgeben. 

 

14. Die heute mächtigsten Institutionen wie Staat, Konzern, Universität, Museum, Familie,  usw. werden langsam zu rituellen Vektorgittern und retten sich, den Worten McLuhans gleich, durch den Blick in den Rückspiegel. Sie verwandeln sich zu formalen  Attrappen, die nur durch ihre mediale Omnipräsenz an Macht behalten. Die vorbildlichsten Konsumenten dieser Kultur- und Kunstindustrie, werden anschließend wie Spitzensportler eingekauft. Sie sind daher als Künstler völlig austauschbar. Die rituellen Erzeugnisse der Kunst genau wie die ehrwürdigen Hallen ihrer Präsentation werden an die Wertevorstellungen des Großkapitals angeglichen. Aus den prozessorientierten Räumen des World Wide Web kann durchaus eine fertige  künstlerische Arbeit gefertigt werden. Diese ist bekennend nicht das eigentliche Werk sondern eine schattenhafte Form der Währung, die digitale Schaffensprozesse maximal begleitet um am Kunstmarkt teilzuhaben. 

 

11. Das führt nur zu einem Schluss. Die Kunst ist abgegeben. Der Künstler kann keine Kunst machen. Er kann in seinem Arbeitsumfeld nur Situationen und Systeme schaffen in denen die Möglichkeit einer künstlerischen Äußerung gegeben ist. Wo für einen kurzen Augenblick Unvorhersehbares geschieht und sofort wieder verlöschen darf. Wie auch das Gehirn keine Kunst ist, sondern ein System, in dem durch ein Zusammentreffen von elektrischen Impulsen, Neurotransmittern sowie äußeren Umständen eine Idee zustande kommt, welche weitere Situationen schafft und bis zu einer Ausformung im Realraum kommen kann. Da Kunst selbst zu einer Umwelt und einer kollektiven Angelegenheit wurde, muss das starre Produkt, die fertige Arbeit scheitern. Es ist wie ein Sandkorn in einer Welle. Die Kunst macht sich schon lange einfach selbst. Der Künstler kann Vorraussetzungen schaffen, unter denen sich eine Kunst optimal oder in bestimmten Formen selbst verwirklichen kann. Ohne dass wir den Anspruch verfolgen das Ergebnis kausal und wiederholbar zu analysieren. Als Regel kann hier gelten: je besser das Ergebnis, desto unmöglicher wird die systematische Wiederholbarkeit. Dadurch wird sich die Kunst von der Wissenschaft unterscheiden. Wir können nur noch Wirklichkeiten der Kunst selbst dazu bringen Ideen zu haben. Indem wir dafür geeignete Aggregatoren schaffen. Dann können wir auch arbeiten, um sie vielleicht punktuell zu konservieren und formal zu verwirklichen. Bauen wir Maschinen die eine Welt für uns falsch und neu und nicht verstehen. Für die Museen und Fans. Warum kann für sie dennoch eine digitale Kunst anziehend sein?

 

0. Technologie aber ganz besonders die Informationstechnologie triefte schon immer vor Heils und Erlösungsgedanken. Man werfe nur einen Blick auf die Singularianer und Extropen (Ray Kurzweil) und Menschen die von der Seele als Software sprechen. Archetypische Symbolkraft hatte schon die Bändigung der Blitze durch Ben Franklin und Tesla kann sie sogar schon erzeugen, denn die Elektrizität ist ein toller Stoff der nicht nur die Alchemisten als möglicher Weltgeist interessierte. Die Elektrizität bewegt sich bekanntermaßen, wie der zum Paradigma aufgestiegene Begriff der Kommunikation, in einem raffinierten Zwischenraum. Er versteht es mit seinem Hybridwesen unsere CSI-geschädigten Hirne mit mystischen Phantasien vollzutanken. Zwischen Geist und Materie, Nichts und Etwas, Wissenschaft und Kult, Hardware und Software entwickelt sich das Netz über den Globus zu einem kollektiven Erlebnisraum, der sich bald wie ein unsichtbarer Film über den Realraum legen wird. Mit dem einen Wunderding Elektrizität wird dann ein anderes transportiert: die Information. Die merkwürdigste Substanz der alles unterliegt und gleichzeitig nirgendwo zu finden ist. Wie man vielleicht aus einer Geo-Reprotage weiß, darf der Schreiberling im alten Ägypten, der Wächter des Codes neben dem Pharao sitzen. Wer den Code beherrscht hat Macht über alternierende Wirklichkeiten. Ganz egal ob das nun die verbale Sprache, der Hypertext an jüdischer Thora, das menschliche Genom oder digitale Programme sind, aber:

 

0.1. Ist der Darm ein Zauberer wenn er Essen in Scheiße verwandelt? Ist der Künstler vielleicht traditionell jener Mensch, der den Abfall an Alltag in Neuartiges hochverdauen sollte, in einem umgekehrten Verdauungsprozess in Richtung professioneller Erhabenheit? Diese Zersetzung des Normalen fängt schon bei der Wahrnehmung selbst an, wenn der eine angeblich ein Auge für Etwas hat und ein anderer einfach nicht. Und vielleicht können wir als digitale Künstler im Moment nicht anders, als auch den Konsum als eine legitime Form der Produktion zu betrachten. Wo ein Michaelangelo ohne Hände mehr sein darf als ein Pflegefall, das inverse Panoptikum aber immer entscheidet wer das Spiel um die bessere Aussicht gewinnt und  Blicke in Kapital übersetzen darf. In Zukunft werden wir uns unsicher fühlen wenn wir nicht gefilmt, getrackt und sonstige persönliche Daten unserer Aktivität permanent gespeichert und veröffentlicht sind. Wer kein Handy hat ist schon heute nicht. Wer auf Facebook nicht veröffebtlicht, ist nicht. Wer keinen Blog hat, verheimlicht etwas. Wir sind instinktiv gezwungen unsere Existenz dem optischen-Vortex, dem inversen Panoptikum zu überantorten. Wir werden auf einen Heilligen getauft damit Gott uns besser erreichen kann, wer eine Telefonnummer hat, kann nun vom Kollektiv an seiner Stelle unter dieser Einmaligkeit erreicht werden. Nicht jede (formerly) intimste Information dem Datenvortex zu überantworten heisst ein Namenloser zu sein, letztendes ein Seelenloser.

 

19. “Wieder dieser Traum. Ich denke er war inspiriert von diesem neuen Fotoplugin beim Firefox. Traum, aber schlicht interessant und mit diesem Apokalypse Gefühl wie im grottenschlechten Southland Tales bei dem aber der Kapitalismus besiegt und ein Soldat sich das friendly fire verzeiht und somit Messias wird. Ein Traum: Mischung aus einem Plugin und einem schlechten Film. Gefühl so hätte nicht gedacht dass die Entwicklung schon so weit ist-Ding,  gemischt mit einem Gefühl des kulturellen Boilingpoint. Auf einmal sehe ich mich selbst auf dem Handybildschirm, nachdem ich aus der U-bahn steige und es Zeug gratis auf dem Bahnsteig zu Essen gibt. Warum aufeinmal? ich möchte ein Foto machen. Sehe aber mich selbst über eine andere Kamera. Ich zoome hinein in den Kosmos und in die Mikroebene dann wieder Ich und das orientierungslose Gefühl von Feedback. Das Gefühl vom Nullpunkt. Ich bin medial eine andere Person. Ich steuere nicht mich. Mein anderes (Bild Ich) steuert mein Leben wie ich seines. Wie eine Selbstprothese. Europa Infovis glitzert wie Popcorn, denn alle sind zum selben Zeitpunkt bei diesem Gedanken. Erdrutsch, Revolution und Panoptikum in Reinform.”  

 

9. Die Metapher für ein zukünftiges Herantreten an einen medialen Erfahrungshorizont, ist am ehesten der Pilz, der in ein Stroboskop blickt. Die Verdoppelung der Menschheitsinformation alle tausendstel Sekunden stellt primär einen Kollaps des kollektiven Gedächtnisses dar, ein daher durchwegs massenpsychologisches Phänomen. Sicher aber kein technisches, das aus sich selbst heraus eine Revolution darstellt. Etwa wie alle Vergangenheit in einem einzigen Augenblick an einem einzigen Ort. Alle Muster und Morphogenesen der Menschheit zu einem einzelnen Punkt versammelt. Dieser Zeitpunkt (natürlich genauso eine Form des Raums) läutet eine neue Stufe des künstlerischen Selbstverständnisses ein. Wie diese Stufe aussehen wird, ist völlig unvorhersehbar. Man kann keine Prognosen treffen, ohne in der Vergangenheit Anhaltspunkte zu haben. Was denken/fühlen wir wenn wir in alle Kultur in einem Zeitfenster sehen?

 

27. Ein Kulturraum, die sich unkontrollierbar selbst schafft und derartig schnellen Veränderungen unterworfen ist, dass der klassisch gierige Griff darauf Augen und Hände verbrennt. Die Vorgangsweise, in der von den Menschen Kunst geschaffen wird, wird bald zu einer sinnfreien Imitation alter Modelle im Realraum. Eine Simulation industrieller Vorgangsweisen, wie denn gelungene Kunst, Werk und Kultur aussehen sollte. Ein zutiefst bürgerliches Wertmaß hält dabei unbemerkt Einzug in die digitale Verfahrenslogik der globalen Kultur. Die Algorithmen bestimmen das Ergebnis, und diese sind aus Panik übernommen von tradierten Vorstellungen der Sinnfabrikation, nostalgische Rettungsreifen.

 

89. Die Antwort auf diese Entwicklung muss die Verweigerung sein, nach gewohnten Unterscheidungen zu arbeiten. Die Verweigerung überhaupt. Die Antagonismen von Figur-Grund, Form-Inhalt, Zeichen-Gegenstand, Struktur-Teilchen und zuletzt der Anspruch Allgemeingültiges zu formulieren, müssen daher schnellstens über Bord. Die Rolle des digitalen Künstlers wird in Folge zu einem sinnbrechenden Aggregator einer Weltgesellschaft. Zum bekennend Ahnungslosen und zuletzt brüllenden Aphasiker, der seine Frau mit einem Hut verwechselt. Die Prozesse einer telematischen Gesellschaft, die von der logischen Verarbeitung ihrer Zeichen bestimmt werden, stellen die neuen Organisatoren dar: Bots, Aggregatoren, Filter, Resonanzen die immer kausal verarbeiten. Doch wo Irrspiele der Verwechslung und Wucherungen aus dem medialen Kosmos entstehen, die nicht kontrollierbar sind, dort wird eine Kunst entstehen, die nicht einer Industrie dient, von Maschinen gefertigt wurde oder eingespielte Machtverhältnisse festigt. Darin liegt die Aufgabe der digitalen Kunst um ihr revolutionäres Potential letztendlich zu verwirklichen.  

 

 15. Es ist seit jeher Sucht des Menschen seine Umwelt zu simulieren. Durch Höhlenmalereien simulieren wir die Jagt, durch Worte Gedanken und durch den Speer einen Zahn. Durch jede neue Simulation verschiebt sich unsere Sicht auf unsere Umwelt, da wir dadurch immer ein neues Bezugssystem für unsere Erfahrungen gewinnen. Durch Veränderung der Simulation verändern wir unseren Zugang zur Welt. Es ist auch eine Sucht selbst in diese imaginäre Welt einzutreten. Adelige lassen Portraits anfertigen, durch Leonardo konnten die Mönche mit Jesus am letzten Abendmahl teilhaben. Das Spiel Pong war nicht wegen Tischtennis ein Erfolg, sondern weil jeder auf einmal Kontrolle über die Pixel seines Fernsehschirms hatte, im Web 2.0 kann jede/r seinen/ihren Teil an einer größeren Geschichte schreiben. Wir steuern unaufhaltsam auf die totale Simulation zu, wo nicht nur unsere Welt mit ihren Abläufen nachgestellt sondern auch alternative Szenarien dieses Geschehens durchgespielt werden können. Was passiert ist folgendes: traditionelles Verhalten im Alltag wird als eine Möglichkeit sichtbar, nicht als Imperativ um zu gewünschten Ergebnissen zu kommen. Indem wir die Möglichkeit haben die Welt durch die totale Simulation zu betrachten, werden die alten “virtuellen Realitäten” an Staat, Bildung, Kunst, Geld… als rituelle Bäckerei sichtbar: unser Land, unsere Kultur, Macht ja und Utopia. Alles was als Konstrukt so behandelt wurde als sei es eine faktische Realität. Die alte Welt wird zum Ritual, zur Simulation einer Simulation, und dadurch zur neuen Konsensrealität des Weltstammes. Wie schon Häuser gebaut wurden wie Vitruvius sie in Texten beschrieb oder Menschen sich Vorgartenhäuser in Second Life bauen, um sich später in Idaho daran zu orientieren. Wie an der Börse verhält sich dann ein globales System (das im Grunde nur auf sich selbst reagiert) nach den Mustern an die wir glauben oder eben nicht bzw. ihnen Kausalität nachsagen. Es ist der Mann, der jeden Tag zur Arbeit fährt und irgendwann bemerkt, dass er schon vor Jahren gekündigt wurde und das Klo auf dem wir kacken schon längst auf Ebay versteigert ist.  Aufgabe der Kunst ist es, diese Übernahme von Oberflächen zu erkennen und durch Veränderung sichtbar zu machen. In weiterer Folge durch Sabotage der Simulation Alternativen zur Datenhegemonie zu ermöglichen. 

 

 16. In Polynesien gibt es heute noch Cargo Kulte, bei denen die ansässigen Stämme riesige Flugzeuggerippe aus Ästen bauen, Funkgeräte aus Holz schnitzen, rituelle Landebahnen in den Sand legen, mit Bambuspistolen bewaffnet in Reih und Glied marschieren. Wir nennen so etwas sympathetische Magie und das oberflächliche Übernehmen von Erfolgscodes ohne tieferes Wissen der Funktionsweise. Einst hatten US-Soldaten dort ihre Stützpunkte und erhielten Hilfspakete von Oben. Besaßen Technologien die sie selbst nie verstehen würden. Wir können schnell darüber schmunzeln. Bald aber stellen sich die Cargo Kulte als ein Trojanisches Pferd in unserer Kunst selbst heraus. Durch das neue Bezugssystem der virtuellen Welt zeigen sich traditionelle Zugänge zur Kunst ebenfalls als  Vektorengitter. Sie indizieren eigene Codes und nostalgische Wertigkeiten als austauschbare Rituale in einer hoffnungslos unüberschaubaren Welt. Menschen suchen Zuflucht in ihnen, erkennen gewohnte Formen und produzieren auch dem entsprechende Kunst.

 

 28. Unter diesen genannten Umständen ist das Spielen als revolutionärer Art nicht wegzudenken: Bevor du den Speer anspitzen kannst musst du mit ihm spielen. Das Spiel steht vor der Technologie. Vor dem Mord. Kunst wie Technologie dienen vielleicht der Menschwerdung der Natur, es ist ein Prozess der Aneignung. Die Arbeit ist weg, übrig bleibt das globale Spiel, an dem nun neue Verwertungsstrukturen ansetzen können. Die Eliten begreifen, dass die besten Produzenten des Spektakels die Menschen selbst und im Groben keine Individuen mehr sind. Meine Wirtschaft, meine Repräsentation, meine Kultur. Die Strukturen eines globalen Spielens, das unsere Vorstellung von Arbeit ablöst, werden die Mächte einer zukünftigen Welt ausmachen. Wer filtern und Milieus zwischen den Akteuren manipulieren kann, hat Einfluss auf weitere Entwicklung. Weiters wird die globale Kultur in ihrem Wesen stochastisch, es können auch in Richtung Kunstproduktion nur Probesonden in die Multitude geschossen werden. Was sich aber daraus weiter ergibt, ist völlig unkalkulierbar. Die Weltkultur als alchemistisches Labor, Subkulturen als Petrischalen. Trail and Error sind nicht, niemand kann sich weitertasten. Wir sind mit einer Welt vertraut in die man eine Kaffeetasse hineinsteckt und ein Darm kommt heraus. Einmal kann ein Mensch einen Kontinent retten, indem er zur richtigen Zeit einen Maiskeim pflanzt. Übrig bleiben hier die Scharlatene, die mit ihrem Aberglauben richtig liegen, aber niemals wissen warum. Wer spielt schließt sich den Scharlatanen nicht an, denn das Spiel mit zielorientierten Vorgaben endet immer beim universellen Cargo Kult. Rasender Stillstand eben.

 

5.1 Die digitale Kultur wurde in den letzten Jahrzehnten als legitime Bild und Sinnproduktion gerechtfertigt, eine gemeinsame Linie hat sich nicht entwickelt. Die Richtungen gehen von gefälliger Animation, über Experimente mit gängigen Technologien bis zu konzeptuellen Arbeiten, die versuchen das Wesen eines gegenwärtigen Digitalimus zu verdeutlichen. Da sich digitale Technologie von ihrer Infrastruktur zu einer globalen Kultur, einer Umwelt entwickelt hat und immer mehr zu einer dynamischen Umgebung wird, ist es notwendig den Computer als mehr als nur ein Werkzeug zu betrachten, mit dem traditionelle Formen der Kunst verschönert und verkauft werden. Der Digitalismus arbeitet einerseits aus der Tradition heraus wie er entstanden ist: durch den Amateur, den Hacker, herrschaftsfreien Diskurs und freie Rekombination. Auf der anderen Seite spielt Kontrolle und Interessen seitens der Autoritäten und Geldgeber eine wesentliche Rolle. Wenn die digitale Kultur aber nicht als Experimentierfeld zwischen Technologie, Macht und notwendiger Innovation durch den Einzelnen betrachtet wird, werden Chancen vergeben, die sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten als absolut unverzeihlich herausstellen werden. Wenn sich eine Kultur mit Lichtgeschwindigkeit über den Globus entwickelt, muss  nicht darauf verwiesen werden, dass Reiche aller Kapitalsorten immer reicher werden und eine mögliche Innovation von Profit und traditionellen Strukturen abhängig ist. Den größten Fehler den man machen kann ist, sich dem Schminken alter Formen zu verschreiben, den Computer als  Instrument zu betrachten, um der globalen Unterhaltung ihren Tribut zu zollen. Wer heute Bereiche eröffnet, verborgene Mechanismen verdeutlicht und neue Maßstäbe anlegt wird schon morgen eine entsprechende Konsequenz daraus ziehen. Und falsch ist hier nur wer in die Bequemlichkeit des Ansehnlichen verfällt. Wer auch nur ansatzweise aufmerksam durch die Welt geht wird keine Mühe haben die Globalisation in allen Facetten festzustellen. Die Privatwirtschaft,  Ökonomisierung der Bildung und des kreativen Arbeitens ist zu ihrem unaufhaltsamen Siegesmarsch angetreten. Doch wenn sich ein Potenzial, das im Unausgehandelten der Informationstechnologien angesiedelt ist, einem Dogma  der schönen und guten Produktionsweisen verschreibt, wird dabei nicht nur die Tradition der Aneignung und Selbstermächtigung digitaler Technologien ignoriert. Es werden vor allem Chancen vergeben und ein weltweiter Einflussbereich durch alle Bereiche  verschenkt. Experimente von heute sind nun mal antipodische Kräfte und Marktpotenziale zugleich. Wer ein Potenzial erschöpfen will, geht Wege, und das ist selten genug, die noch nicht von Erwartungshaltungen zertrampelt wurden und geht wegweisend. Einzige Option.

 

 

 

 

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