Ego-Taster

“jetzt haben sie mir doch die letzte von meinen marmelade-surprisen weggeschnappt!” ruft mrs. q, die gerade mit der fixigkeit eines taschenspielers ein lavendelbestreutes, eiförmiges etwas aus lindgrüner latwerge auf den tisch gezaubert hat: “dafür kriegen sie jetzt keine von diesen deliziösen rhabarber-toffees.” und hinein damit in ihren mund, das ganze stück auf einen sitz. “geschieht mir ganz recht”, bescheide ich, was immer ich damit sagen will, und nippe an dem kräutertee, um den geschmack des mayonnaisebonbons loszuwerden. uuuups, das war genau verkehrt, denn schon füllt sich mein mund aufs neue mit grauenhafter, alkalischer verwüstung, die aufsteigt bis zum weichen gaumensegel und sich dort verschanzt.

d reicht mir ein hartes, rotes drops in form einer stilisierten himbeere… mmh, das merkwürdigerweise auch nach himbeere schmeckt, obwohl ich ihm keine zeit lasse, die bitterkeit zu lindern. ungeduldig, beisse ich es auf und weiss in diesem augenblick, verdammter trottel, dass sie mich wieder drangekriegt haben: heraus und über meine zunge fliesst die allerverfluchteste, kristalline, gott im himmel, reine salpetersäure muss es sein, “oh, das ist wirklich sauer!”, ich bringe den satz kaum über die lippen, so sehr hat es mir den mund zusammengezogen, genau der gleiche üble streich, den hop harrigan immer dem tank tinker spielte, damit er aufhörte auf seiner okarina zu blasen, ein schäbiger trick schon damals, doppelt verwerflich aber, wenn er von einer alten lady kommt, die zu unseren verbündeten zählen will, scheisse, nicht einmal sehen kann ich mehr, so hoch ist es in meiner nase gestiegen, und löst sich nicht mehr auf, egal was nun sein mag, wütet weiter auf der schrumpfenden zunge, knirscht wie zermahlenes glas zwischen den backenzähnen.

mrs. q zelebriert indessen mit emsig-zierlichen bissen ein petit four auf kirsch-chinin-basis und strahlt die jungen leute quer über die schale hinweg an. Meinerseits, alles vergessend, greife abermals nach meiner teetasse. an einen ehrenhaften rückzug ist nicht mehr zu denken. d hat weitere einmachgläser voller süßigkeiten aus dem regal geholt, und schon tauche ich, eine reise zum mittelpunkt eines feindlichen kleinplaneten, in ein neues, gigantisches konfekt ein, krunsch durch die schokoladenkruste und den mantel aus durchdringend mit eukalyptus pafümierten fonadant bis zum kern, der aus phantastisch klebrigem gummiarabikum mit weintraubengeschmack zu bestehen scheint. ich fingernagele ein klümpchen davon zwischen den zähnen hervor und starre es sinnend an. es ist intensiv purpurrot gefärbt.

“langsam kapieren sie´s!” mrs. q wedelt mir mit einem mamorierten konglomerat aus ingwerwurzel, buttertoffee und anissamen zu. “sie müssen auch mit den augen genießen!” warum seit ihr nur so gierig!”. “Hm”, mümmle ich, “liegt wohl daran, dass wir´s nicht komplizierter haben als hershey-schokolade…”.
“oha, versuch mal das”, kollert d, hält sich den hals und taumelt gegen mich. “oh man, das wird was geben”, ungläubig greife ich nach der unappetitlich aussehenden bräunlichen neuheit, einer exakten eins-zu-vier-replik einer mills-handgranate, hebel, zapfen, alles dran. sie gehört zu einem ganzen arsenal von patriotischem naschwerk, das noch aus der zeit vor der zuckerrationierung stammt und neben der granate, wie ein blick ins einmachglas zeigt, noch eine 0,445er webley-signalparone als grünrosa gestreifte sahnekaramelle, eine sechs-tonnen-sprengbombe aus silbern gesprenkeltem blauem gelee und eine panzerfaust in lakritze umfasst.

“nun mach schon”, greift d doch buchstäblich nach meiner hand, um mir das praliné in den mund zu stopfen. “ich wollte erst mal den augenblick geniessen, wie mrs. q eben sagte.” “und vorher zerdrücken gilt nicht!” Unter ihrer tamarindenglasur entpuppt sich die eierhandgranate als übersüßer, mit pepsin aromatisierter nougat, der mit stechend scharfen kubebenbeeren gestopft ist und eine füllung aus zähem kampfergummi umschließt. es ist unaussprechlich grauenhaft. die kampferdünste machen mich schwindeln, tränen strömen aus meinen augen, die zunge ist ein hoffnungsloser holokaust. kubeben! das zeug habe ich früher mal geraucht! “ver-gif-tet…” kann ich gerade noch krächzen. “nun zeigen sie doch einwenig rückgrad”, befiehlt mrs. q. “aber wirklich”, flötet d durch zungensanfte karamelschichten hindurch, “denk daran, dass wir im krieg stehen. und jetzt dieser hier, liebling, brav den mund aufmachen…” zwar kann ich durch den tränenschleier kaum erkennen was da auf mich zukommt, aber höre mrs. qs lüsternes “mnjam, mnjam, mnjam” jenseits des tisches und diesseits d kichern. es ist groß wie ein marshmallow, aber irgendwie – wenn mein gehirn jetzt nicht endgültig aussetzt – schmeckt es nach gin. “wasndas?” mampfe ich mühsam. “Ein gin-marshmallow eben”, sagt mrs. q. “auuuuuuu…”.

“oh, das ist noch gar nichts, nehmen sie mal eins von denen-” in einem masochistischen reflex mahlen sich meine zähne durch eine harte, säuerliche stachelbeerhülle und treffen auf eine quellende unanehmlichkeit aus, hoffe es ist tapioka, leimigen klümpchen von irgenwas, das mit gewürznelkenpulver gesättigt ist. “noch ein schlückchen tee?” schlägt d vor. ich winde mich in hustenkrämpfen, nachdem mir gewürznelken in die luftröhre geraten sind. “scheußlicher husten das!” mrs. q bietet mir eine dose mit der unglaublichsten aller englischen hustenpastillen an, der meggezone. “d, dein tee ist vorzüglich, ich kann richtig fühlen, wie mein skorbut zurückgeht.”

die meggezone wirkt als ob einem ein schweizer alp gegen den kopf gedonnert würde. sofort beginnen mentholene eiszapfen vom dach meiner mundhöle zu wachsen. eisbären krallen sich in die verharschten alveolentrauben meiner polaren lungen. mein zahnschmelz schmerzt zu stark, als dass ich noch atmen könnte, selbst durch die nase, selbst mit der nase, kravatte gelockert, im halsausschnitt meines olivgrauen unterhemds. benzodämpfe sickern mir ins gehirn; mein kopf schwebt auf einem halo aus eis. auch eine stunde später hängt die meggezone noch im raum, ein pfefferminzgespenst in den lüften. ich liege bei d. der ekelhafte englische bonbondrill gehört der vergangenheit an, jetzt schmiege ich meine leiste an ihren warmen po.

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