Monster’s Ball

Die Sache mit der Wirklichkeit
Wenn ich mir auf der Leinwand King Kong ansehe - ich meine den alten, melancholischen Affen aus dem Film von 1933 - wie er mit kantigen Bewegungen auf der Spitze eines New Yorker Wolkenkratzers balancierend die ihn umkreisenden Flugzeuge wie lästige Fliegen vom Himmel fängt, dann verstehe ich die Welt wieder. Ich weiß zwar, dass der Film so tut, als sei er realistisch, doch gleichzeitig lässt er mich nie im Glauben, dass es sich um etwas anderes als um eine imaginierte Realität handelt.

Das macht ja den Reiz von Kunst aus: dass sie eben nicht abbildet, dass sie nicht eine gesellschaftliche beziehungsweise politische Wirklichkeit spiegelt oder nachzeichnet oder beschreibt, sondern dass sie Unterschiede in der Wahrnehmung von Welt erfahrbar macht.

Da Kunst die Wirklichkeit außerhalb des Kunstwerks bearbeitet, verformt oder umkehrt und daraus eine eigene, kunstimmanente Wirklichkeit schafft, sensibilisiert sie das Publikum für die feinen Unterschiede zwischen Sein und Schein. Vor allem aber widerspricht die Kunst dem Objektivitätsgebot und damit der Vorstellung, es gäbe eine eindeutig darstellbare Wirklichkeit.

Medien, allen voran das Fernsehen, machen das genaue Gegenteil: sie vermitteln imaginierte Realität als Wirklichkeit. Das Problem dabei ist nur: niemand kann mehr die Wirklichkeit von der Imagination unterscheiden oder, anders ausgedrückt, die Lüge von der Wahrheit. Die Grenzen sind nicht nur fließend, sie sind aufgehoben.

Wenn etwa ein Reporter vor der Kulisse Bamakos, Lahores oder Manilas seinen Bericht in die Kamera spricht, dann handelt es sich um nichts anderes als um die Simulation von Authentizität. Denn erstens kann ich als Zuseher den Wahrheitsgehalt des Gesagten nicht überprüfen. Es wird von mir verlangt, dass ich dem Reporter blind vertraue. Warum? Bloß weil er so schlecht angezogen ist, dass man ihn vor Ort nicht sofort als Reporter erkennt?

Zweitens gibt es keinen Grund anzunehmen, dass dieser Reporter ins Flugzeug steigt, und bereits nach ein paar Stunden in Mali, Pakistan oder auf den Philippinen die ganze Komplexität eines Konflikts durchschaut hat. Er ist also selbst auf Informationen aus zweiter, dritter und vierter Hand angewiesen. Und drittens: was ist der Mehrwert eines zweiminütigen Berichts über eine Krise, von der ich als Fernsehzuschauer letztlich nur weiß, dass es sie gibt?

Die Antwort ist eindeutig: es geht nicht um Information, es geht um die Illusion von Information. Es ist vollkommen gleichgültig, was der Reporter erzählt und welche Bilder die Kamera einfängt - Fernsehen will einfach demonstrieren, dass es omnipräsent und deshalb mächtig ist. Ich muss nichts mehr wissen, um etwas zu wissen. Information ist von Inhalten abgekoppelt. Das ist wie in der Politik: Macht wird nicht durch die Vermittlung von Inhalten geschaffen, sondern durch Omnipräsenz. Genauer gesagt: durch die Illusion von Omnipräsenz. Das ist ja das Geheimnis von Populisten wie Nicholas Sarkozy oder Silvio Berlusconi: Macht als Folge der Inszenierung der Wirklichkeit, in der man als politischer Führer ständig bei den Menschen ist, ohne es leibhaftig zu sein: als Medienikone, als Dauergesprächsthema, als Skandalon, als Ärgernis, als Traum- und Alptraumerscheinung. Das ist wie die Sache mit Gott, den auch niemand kennt und den man sich dennoch als ständig Anwesenden vorzustellen hat - selbst oder gerade dann, wenn man nicht an ihn zu glauben bemüht ist.

Inhalte sind gleichgültig und austauschbar, das gilt für die Politik wie für die Medien. Warum? Weil beide die Vorgabe, mit Wirklichkeit zu handeln, nicht erfüllen können. Beide können ihre Existenz nur durch die Lüge rechtfertigen, indem sie die Macht simulieren, zu jeder Zeit den Wirklichkeitsmarkt zu steuern. Doch auf diesem Markt ist nichts zu erwerben, nicht einmal heiße Luft. Insofern hat Karl-Heinz Grasser seinerzeit seine Rolle als Politiker richtig erkannt: er forderte die Bürger auf, sich nach einer Steuerreform entlastet zu fühlen.

Natürlich hat die Bürger niemand entlastet, so wie nichts darauf hindeutet, dass Gesellschaften demokratischer werden oder es den Entwicklungsländern besser geht. Aber das hat Politik ja gar nicht im Sinn. Wir sollen einfach daran glauben wie an Orakelsprüche, glauben, dass die Regierung arbeitet, Tag und Nacht, für uns Menschen, glauben, dass Macht ein unbegreifbares Phänomen ist, dass man einer Handvoll Menschen überantwortet wie einem Gott, der schon das Richtige für uns alle tun wird. So lange uns die Medien davon überzeugen, dass die Hölle in Mali, Pakistan oder auf den Philippinen ist und damit außerhalb der Sichtweite, soll uns das Recht sein.
Text: Peter Zimmermann

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